| Kirchenasyl zwischen Institutionalisierung
und Aufbruch Eine Selbstreflexion Das Kirchenasyl hat sich in den letzten zwanzig Jahren zu einer Art Institution entwickelt, die dann greift, wenn Flüchtlingen kein Rechtsschutz gewährt wird, obwohl noch eine Klage vor einem Verwaltungs- oder Oberwaltungsgericht läuft. Mit Kirchenasyl ist dann zunächst die Abschiebung zu verhindern, als ein vorübergehender Schutz vor Verfolgung im Heimatland oder anderen Gefährdungen, z.B. mit Gutachten wegen einer bisher nicht gesehenen und behandelten Traumatisierung. Kirchenasyl versucht die Glaubwürdigkeit der Asylsuchenden wiederherzustellen, die nur zu oft in den vorhergehenden Verfahren beschädigt wurde und damit einen Schutz zu gewährleisten. Dieses gemessen an der Zahl der abgewiesenen Asylsuchenden kleine Schutzelement hat mehreren Hundert Menschen das Leben gerettet, hat innerhalb der verfassten Kirche Anstöße gegeben, hat Umkehr ermöglicht, hat Stellungnahmen herausgefordert. Viele Gemeinden fühlten sich hierdurch gestärkt in ihrer der Solidarität mit Flüchtlingen. Vieles wurde im Vorwege geklärt, weil Gemeinden sich einsetzten, für Kinder, die im Kindergarten waren, die zu Schule gingen und zurück sollten, für Traumatisierte und Kranke, denen nicht geglaubt wurde, für volljährig gewordene Menschen, die ohne Familienverband und Schutz in eine Heimat sollten, die keine war. Kirche ist aufgewacht – und bei allen kirchlichen Sparmaßnamen: es ist deutlich, dass Bleiberechtsfragen, soziale Fragen von Migrantinnen und Migranten und von Menschen ohne Papiere die Kirchen weiterbewegen wird. Gerade weil sich der Staat rigoros aus seiner Verantwortung verabschiedet, wird gemeindliche, nachbarschaftliche Hilfe, wird die Tradition des Kirchenasyls stärker gefordert werden. Gerade die Kirchenasyle, die lange dauerten zeigen, welch nachhaltige Integrationsleistungen dort vollbracht wurden. Es sind vielfältige Gemeindeaufbauprojekte entstanden wo Kirchengemeinden sich nicht auf ihre vermeintliche Eigentlichkeit, die liturgischen, konzeptionellen, strukturellen Fragen zurückzogen, sondern die Fremden als Gäste, die auch Engel sein können, einbezogen haben. Dies wird als Schatz gehoben werden müssen. Es wird evaluiert werden müssen, was es den Gemeinden gebracht hat, zusammenzuhalten und sich für Menschen in Not einzusetzen. Da gab es Sponsoren und Kulturangebote, nachbarschaftliche Hilfsangebote und neue Spezialistinnen für interkulturelle Arbeit, für medizinisch notwendige Hilfe, für Fragen der Kinderbetreuung im Kirchenasyl, für Integrationsmaßnahmen wie Sprachförderung, Alphabetisierung, Nachhilfe für Kinder und schließlich für eine Arbeitssuche und -aufnahme, wenn die Bleiberechtsfrage gesichert war. Nun ist dieses Instrument vielfach an seine Grenzen gelangt. Nicht dass wir nicht auch noch Kirchenasyle haben werden. Gerade die fehlende Humanität, die fehlende Bleiberechtsregelung wird Kirchenasyle weiterhin notwendig machen – und auch die Härtefallkommissionen werden z.T. Vorarbeit leisten für Kirchenasyle. Es werden viele gut dokumentierte und rechtlich aufgearbeitet Fälle vorliegen, die auch von Härtefallkommissionen nicht gelöst werden. Und Menschen werden Nein sagen, angesichts drohender Abschiebungen ihrer langjährigen Nachbarn. Doch wir geraten auch in eine Sackgasse, wenn wir nur noch Menschen unterstützen, die Aussicht auf Erfolg bei Gericht oder bei einer nächsten Instanz haben sollten. Nicht nur weil Europa abgeriegelt ist für Asylsuchende, sondern weil es real immer mehr abgelehnte Asylbewerber gibt, die alle Instanzen durchlaufen haben und an der Unmöglichkeit einer Rückkehr scheitern und abtauchen. Es gibt eine große und weiterhin wachsende Zahl von Menschen, die in Not sind, deren Asylgründe nicht anerkannt sind, die ausgewiesen wurden oder die ohne Papiere eingereist sind: Menschen, die schon einmal abgeschoben wurden und illegal wieder einreisten, weil sie in ihrem Heimatland keine Perspektive hatten oder erneut bedroht wurden. Diesen Menschen Schutz zu gewähren - unabhängig von einer aufenthaltsrechtlich einwandfreien Perspektive - ist Anliegen vieler Christinnen und Christen. Gastfreundschaft ist das Wort: Aufnahme von Menschen in Not – mit einer befristeten Perspektive, einer Ruhepause, um über mögliche Beratungsstellen und Hilfsangeboten eventuell einen neuen Anlauf zu wagen. Diese Form ist die ursprünglichste aller christlichen Hilfsangebote: Wer diese Form der Gastfreundschaft gewährt riskiert, gerade wenn sie unabhängig von kirchlichen Hilfsstellen und –angeboten, im Privaten bleibt, aber auch wenn sie von einer Kirchengemeinde getragen wird, eine Anzeige nach §96,1 ZuwG . Deshalb sollte die verfasste Kirche diese Arbeit unterstützen, sollten kirchliche Netzwerke Strukturen vorhalten, wie mögliche Gästewohnungen, Häuser der Gastfreundschaft: Das sind und waren häufig Klöster oder diakonische Basisgemeinschaften, die sich von alters her oder neu gegründet zu diesem Zweck der gelebten Diakonie, der gemeinsamen Flüchtlingsarbeit, der Aufnahme von Fremden widmen. Aber auch Gästewohnungen, die von Asyl- oder Flüchtlingskreisen einer Kirchengemeinde oder eines Kirchenkreises getragen werden, erfüllen diese Aufgabe. Hier wird mit einer klaren zeitlichen Vereinbarung über mehrere Tage oder Wochen oder Monate Schutz gewährt, um Menschen in Not einen Ruheraum, Obdach und Beratung zu geben. Eine Perspektive kann sein, dass sich hieraus ein klassisches Kirchenasyl ergibt, dass noch einmal ein neuer Asylantrag oder eine Petition oder die Überprüfung des Falles in der Härtefallkommission ermöglicht wird. So wird es in Zukunft mehrere Schutzformen kirchlichen Handelns für Flüchtlinge, für Asylsuchende, für MigrantInnen geben: Kirchenasyl, Gästewohnung und auch die Gästebewegung. Wir brauchen mehr denn je eine Koalition aus ökumenischen Gruppen, Missionswerken, Friedensgruppen und NGOs, um die Chancen der Betroffenen wahrzunehmen, sie zu stärken und uns in der Lobbyarbeit nicht kriminalisieren zu lassen. Wir brauchen Mut, weiterzugehen und uns für den Flüchtlingsschutz als Menschenrechtsschutz einzusetzen. Unsere Gesellschaft droht sonst Gefahr in einer Unmenschlichkeit zu ersticken, die den Erfolg der Flüchtlingsabwehr in Abgeschobenen bemisst, statt sich einer Menschlichkeit zu rühmen, die einer reichen Industrienation (mit einer entsprechenden Geschichte?) eigentlich zustünde. BAG, 2004 |