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Erntedankgottesdienst
2003 – zum Abschluss des Kirchenasyls Predigt von Pastorin Hellstern-Hummel, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Einfeld Liebe Gemeinde, wir feiern heut Erntedank. Dank für die Früchte und Blüten des Feldes, des Gartens, unseres Lebens. Dank für das Wunder des Wachsens und Werdens. Dank dafür, daß viel Samen, den wir gesät haben, aufgegangen ist, daß sich unser Engagement, unsere Arbeit gelohnt hat, daß wir Ziele erreicht haben. Natürlich - im wahrsten Sinne des Wortes - ist manches auch nichts geworden. Gerade in diesem heißen, trocknen Sommer ist viel verdorrt oder gar nicht aufgegangen. Und auch in unserem Leben gibt oder gab es widrige Umstände. Manches klappt einfach nicht, manches trägt einfach keine Früchte - warum auch immer. Anderes raubt uns - wie das Unkraut - viel Energie und Zeit und trägt am Ende doch nichts aus, nährt nicht. All das gibt es und soll nicht unter den Tisch gekehrt werden. Und doch ist heute ein Tag, an dem wir uns dem anderen zuwenden, dem, was gewachsen ist, dem, was gelungen ist, dem, was Frucht getragen hat und geerntet werden konnte oder kann. Dieses Wachsen und Gedeihen ist ein großes Wunder und es steckt viel Arbeit darin. Denn: Was braucht es nicht alles, damit so ein Same aufgehen und Frucht bringen kann. Der Boden muß vorbereitet werden. Die Temperatur muß stimmen und die Feuchtigkeit, der Standort und der richtige Zeitpunkt der Aussaat. Nach dem Säen muß immer wieder gedüngt und gegossen werden. Der Boden muß aufgelockert, das Unkraut entfernt werden, damit es nicht überhand nimmt und die Pflanzen erstickt. Manche Bäume und Pflanzen müssen beschnitten werden, andere pikiert, versetzt und und und... Genauso ist es mit unserem anderen Samen - mit unseren Vorhaben, die mühsam und sorgfältig Schritt für Schritt geplant und in die Tat umgesetzt werden müssen. Auch da müssen die Voraussetzungen stimmen, der richtige Zeitpunkt gewählt, die richtige Strategie angewandt werden. Das alles ist die eine Seite des Wachsens und Gedeihens - unsere Arbeit und Mühe, unser Einsatz. Ohne den wird es nichts. Und an Erntedank soll auch das nicht zu kurz kommen: Der Dank für alle geleistete Arbeit. Dank an die Bauern und Landwirte, die mit ihrer Arbeit dafür sorgen, dass wir so reichlich zu Essen haben. Dank an die Menschen in Wirtschaft und Industrie, die die Güter herstellen, die wir zum Leben brauchen. Dank an alle, die sich um andere kümmern: an die Lehrer und Lehrerinnen, die versuchen, die Kinder zu bilden und zu erziehen, an die Erzieher und Erzieherinnen in den Kindergärten für ihre Geduld und Ideen. Dank den Vätern und Müttern für ihre Liebe und Fürsorge den Kindern gegenüber, Dank den Krankenschwestern und Pflegern, die sich um Alte, Kranke und Bedürftige kümmern. Dank Ihnen allen, die heute hier sind, für all das, was sie tagtäglich tun und leisten, was immer es sei. Dank für die Kraft und Arbeit, die Zeit und Ideen, die Sie jeden Tag in das Projekt Erde und Menschheit, in die große Aufgabe Menschlichkeit und Gerechtigkeit stecken.
Unsere Arbeit und Mühe, unseren Einsatz, den braucht es also, damit etwas wachsen und gedeihen kann. Und doch können wir das Wachsen und Gelingen nicht machen, nicht herstellen. Wir können es nur fördern und unterstützen, aber nicht hervorbringen. Das Wachsen und Gedeihen selbst ist und bleibt ein Wunder Gottes, ein Geheimnis. Das Gleichnis, das Jesus vom Wachsen des Reiches Gottes erzählt, hebt diese wunderbare, geheimnisvolle Seite hervor. Jesus sagte es so: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. (Mk 4, 26-29) Wenn wir uns diese Seite von Erntedank vergegenwärtigen, dann steht das Staunen und die Dankbarkeit im Vordergrund. Staunen und Dankbarkeit für all das, was uns im vergangenen Jahr geschenkt worden ist. Lassen Sie doch das vergangene Jahr noch mal an sich vorbeiziehen: Mit was bin ich / sind wir beschenkt worden in dem vergangenen Jahr? Welcher Same, den ich ausgebracht habe, ist aufgegangen? Welche Aufgabe, die ich in Angriff genommen habe, konnte erfolgreich beendet werden? Was ist mir einfach so zugewachsen? Welche Früchte, die mich und andere nähren, darf ich ernten und genießen? Nehmen sie sich Zeit für das Danken, für das Ernten in Gedanken Musik Wir hier in der Gemeinde sind in diesem Jahr besonders dankbar für das erfolgreiche Kirchenasyl von Nora. Als wir von dir, Nora, kurz vor der geplanten Abschiebung, erfuhren, war keineswegs klar, ob dieses Unternehmen gelingen würde, ob wir die Kraft und Möglichkeiten dafür hätten, ob dieser Same Hoffnung für dich überhaupt eine Chance hatte, aufzugehen. Doch dann haben sich viele Menschen darangemacht, den Boden zu bereiten, die Voraussetzungen für das Gelingen zu schaffen. Einige dieser Menschen, die sich mit viel Engagement und Kompetenz eingesetzt haben, sind heute auch hier. Ihnen möchte ich in ganz besonderer Weise danken. Dank an Frau Hohberg, die heute leider nicht hier sein kann, die den Mut hatte, überhaupt um Kirchenasyl für Nora anzufragen. Dank an Fanny Dethloff und Kirsten Schneider, die uns sozusagen bei dem ganzen Kirchenasyl an die Hand genommen und uns durch alle Fragen und Klippen hindurch begleitet haben. Dank an Martin Link vom Flüchtlingsrat, für sein Know-how, und euch dreien für die Erreichbarkeit, auch Feiertags und abends, wenn's sein mußte und die hilfreichen Tipps, die uns immer einen Schritt weiter gebracht haben. Dank auch all den Menschen in den Ämtern und Behörden, die sich in den komplizierten rechtlichen Dingen für Nora eingesetzt haben. Und besonderen Dank an alle hier in der Gemeinde, die dieses Kirchenasyl überhaupt praktikabel gemacht haben, die Geld gespendet, eingekauft und Nora besucht haben, die einfach immer wieder da waren und seelisch-moralische Unterstützung gegeben haben. Ganz besonderen Dank an dieser Stelle für dich, Petra - du hast echt unglaublich viel geleistet! Und nicht zuletzt Dank für dich Nora und deine Familie. Für euer Vertrauen in dieses Kirchenasyl und für alles, was du hier in die Gemeinde gebracht hast. Für dein Lachen und deine Arbeit im Kindergarten, für die leckeren Mahlzeiten und deine Geduld, für die Hilfe im Haus und die Freude mit und an Silas. Dafür, dass du vielen von uns die Augen geöffnet hast für die Situation der Flüchtlinge und Asylsuchenden in Deutschland. Aber die Dankbarkeit geht auch noch darüber hinaus. Auch wenn es zwischendurch immer wieder unglaublich viel Arbeit und Mühe war, so war doch alles auch ein großes Geschenk. Auch hier war eben wieder das Wunder des Wachsens und Werdens am Werk. Vieles hatten wir nicht in der Hand, oft war es nur ein Zufall - oder eben Fügung - dass es weiterging, dass manches gerade im richtigen Moment kam oder passierte, dass sich Türen geöffnet haben, wo wir gar keine vermutet hatten. Mit großem Dank feiern wir also heute dieses Erntedankfest. Dank unserem Schöpfer und Erhalter, Gott, der alles werden und reifen läßt, der Wege für uns auftut und uns mit seiner Güte überreichlich beschenkt. Amen
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